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Mit dem Esel zur Ruhe kommen Experten Für den Menschen:

28.06.2018, ERGOTHERAPIE Michaela Missenberger-Gresch behandelt in der RFK Patienten mit Unterstützung von Tieren

Von Stefanie Widmann

ALZEY So ein Esel kann ziemlich stur sein. Aus seiner Urheimat ist er zudem gewohnt, sich vorsichtig in einem meist steinigen südlichen Gelände zu bewegen. Und dieses Verhalten legt er bis heute auch hierzulande an den Tag. Wenn ein Ergotherapeut einen gestressten Manager oder einen hyperaktiven Patienten mit einem Esel am Halfter spazieren gehen lässt, diktiert Letzterer die Geschwindigkeit und der Mensch muss sich anpassen, ob er will oder nicht. Runterkommen, entschleunigen und jede Hektik ablegen, das ist das Ziel. Michaela Missenberger-Gresch, Ergotherapeutin in der Rheinhessen-Fachklinik (RFK) mit einer Zusatzausbildung zur tiergestützten Therapie, versucht, mit Vierbeinern Menschen zu helfen.

Bei der Ergotherapie geht es dem altgriechischen Wortstamm nach darum, jemanden an die Arbeit heranzuführen. „Meine eigene Definition ist, dass man versucht, Menschen, egal mit welchen Einschränkungen, in eine Handlung hereinzubringen“, sagt Missenberger-Gresch. Die Einsatzgebiete sind vielfältig. In der Orthopädie etwa hilft Ergotherapie, Gelenke zu mobilisieren und auch zu schützen. In der Pädiatrie, der Kinderheilkunde, soll sie die Entwicklung und Wahrnehmung fördern. In der Neurologie geht es – beispielsweise nach einem Schlaganfall – darum, den Zustand vor der Erkrankung wieder herzustellen.

Michaela Missenberger-Gresch lernte die Ergotherapie kennen, als ihre Mutter in einer orthopädischen Rehabilitation war und begeisterte sich für den Beruf. Nach dem Realschulabschluss machte sie an einer staatlichen Schule in Birkenfeld eine dreijährige Fachausbildung zur Ergotherapeutin und arbeitete zunächst im orthopädischen Bereich, später in der Pädiatrie und Neurologie und dann in einer freien Praxis. Mit 50 bewarb sie sich auf die Stelle bei der Rheinhessen Fachklinik und bekam zu ihrem eigenen Erstaunen den arbeitstherapeutischen Job mit der Möglichkeit einer Zusatzqualifikation in tiergestützter Ergotherapie. Die RFK zahlte ihr eine anderthalbjährige Zusatzausbildung. „Wir haben gerne in jemanden investiert, der so viel Erfahrung mitbringt, was Besseres kann uns doch gar nicht passieren“, begründet Frank Müller, Pflegedirektor der RFK, die Entscheidung für die heute 57-Jährige.

Die Grundidee, Ergotherapie auch in der Psychiatrie einzusetzen, reicht bis in die Antike zurück, erläutert Müller. Arbeiten in der Natur galt schon lange als hilfreich bei der Behandlung von psychisch kranken Menschen, zumal in Zeiten, als es noch keine Psychopharmaka gab. 1953 wurden dann Arbeits- und Beschäftigungstherapie zur Ergotherapie zusammengeführt.

Angesichts der vielen Kriegsverletzten bot das Rote Kreuz entsprechende Kurse an, die ihnen eine Teilhabe ermöglichten.

Ergotherapie verordnet der Arzt, der Therapeutin obliegt es dann, was sie konkret mit den Patienten macht. Im Therapiehof mit den vielen Tieren, darunter diverse vom Aussterben bedrohte Haustierrassen, findet Missenberger-Gresch ein breites Spektrum. Die Patienten können beispielsweise Meerschweinchen in ihrem natürlichen Umfeld beobachten und mit ihnen in Interaktion treten. Die Bedingungen allerdings diktiert quasi das Tier.

„Man braucht Geduld, muss auf die Signale der Tiere achten, Distanz und Nähe annehmen“, beschreibt die 57-Jährige die therapeutische Wirkung der Meerschweinchen. Der Patient muss lernen zu akzeptieren, dass sie, wenn er sich ihnen falsch nähert, in ihrem Häuschen verschwinden und man dann bisweilen lange warten muss, bis sie wieder rauskommen und ihm eine zweite Chance geben. Die Tiere auf dem Therapiehof seien eben nicht so dressiert, dass sie sich einfach streicheln lassen, der Mensch müsse sich schon etwas ausdenken, damit sie kommen und auch bleiben. Für viele ist es ein ganz großes Erfolgserlebnis, wenn sie das Vertrauen eines der Tiere erlangt haben. „Ich erlebe es, wie glücklich es machen kann, wenn Esel Amor kommt und den Kopf am Bein des Patienten reibt“, sagt Missenberger-Gresch. Auch die Ponys schrecken schnell hoch und suchen das Weite, wenn sie unsensibel angegangen werden. Die Esel Nala und Shanty wiederum reagieren langsam und überlegt. Die Bunten Bentheimer Schweine Pünktchen und Judy, die Minischweine Mini und Ruby, die Sperberhühner – alle haben ihre eigene Art.

Zu den Menschen, die Missenberger-Gresch mit ihren Kollegen betreut, gehören die Patienten aus dem Maßregelvollzug, die die Tiere morgens füttern und die Ställe misten, genauso wie Gruppen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

DIE SERIE

„Die Nachbarin geht zum Podologen, was ist das eigentlich?“ – „Ich habe eine Überweisung zum Facharzt für Visceralchirurgie. Für wen? Was macht der denn? – „Meine Tochter wird von einer Motopädin behandelt, das habe ich ja noch nie gehört!“ Manche Berufsbezeichnung im modernen Gesundheitsbetrieb gibt den Patienten Rätsel auf.

Diese Serie will einige davon erklären. Wir stellen Mediziner, Therapeuten und andere Fachkräfte aus dem Raum Alzey mit Qualifikationen vor, unter denen sich vielleicht nicht jeder etwas vorstellen kann und erläutern, worum es geht.

Allgemeine Zeitung, 28. Juni 2018

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