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Gefühle durch Bewegung rauslassen EXPERTEN FÜR DEN MENSCHEN:

25.07.2018, MOTOLOGIE Carina Cezanne hilft traumatisierten und hyperaktiven Kindern gleichermaßen / Therapie für jedes Alter

Von Stefanie Widmann

ALZEY Immer wieder wird der Achtjährige von seinen Eltern alleingelassen und „versetzt“. Längst ist er in einer entsprechenden Einrichtung untergebracht, aber auch die gelegentlich angekündigten Besuche halten weder Mama noch Papa ein. Verstockt, voller Wut, in sich gekehrt – auch die Psychologen kommen nicht mehr an ihren kleinen Patienten heran. Hier ist ein anderer Ansatz nötig, und den könnte die Mototherapie liefern.

„Ich versuche, dem Jungen zu helfen, seine Aggressionen loszuwerden, ohne dass er dabei jemandem wehtut“, erläutert Carina Cezanne, Diplommotologin bei der Rheinhessen Fachklinik (RFK). Denn viele Emotionen, die in einer solchen Situation bei einem Kind entstehen, könnten seine Entwicklung blockieren. Enttäuschung, Angst, Trauer, Wut... Cezanne errichtet mit dem Jungen Schaumstoffhäuser, die er dann einreißen darf. Und sie macht Rollenspiele, gibt dem alleingelassenen Kind die Möglichkeit, ihr an Stelle der Eltern seine Wut zu zeigen. „Ich helfe, dass er seine Gefühle verarbeiten kann, denn wenn Gefühle immer unterdrückt werden, weil sie unterdrückt werden müssen, bringt das Probleme mit sich – etwa in der Schule.“ Da sind solche Kinder dann verhaltensauffällig und unkonzentriert.

Bewegung und das bewusste Erleben des eigenen Körpers – hier setzt Cezanne an. Ziel ist es, dass der Patient sich selbst annimmt und ein positives Selbstbild entwickelt. „Die Wechselwirkung von Körper und Psyche steht im Mittelpunkt“, erläutert sie die Grundlagen des ganzheitlichen Konzepts. Sie beobachtet ihren Klienten genau und analysiert zunächst sein Verhalten und seine Bewegungen, macht diverse Tests mit ihm.

Spiel, Körper und Bewegung stehen dann im Mittelpunkt der Therapie, die sich an der Entwicklungspsychologie orientiert. „Ziel ist es immer, das Selbstbewusstsein und die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu fördern“, sagt Cezanne. Sie hilft ihren Patienten, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten und Entwicklungsrückstände aufzuholen, auch im Bereich des sozialen Verhaltens und der Emotionen gleichermaßen. Gerade Kinder lernen Ausdauer und Konzentration, Ängste überwinden und auch sich zu entspannen.

Bewegung war für Cezanne schon immer wichtig. In Mörfelden-Walldorf aufgewachsen, war sie sich nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr endgültig sicher, dass es ein sozialer Beruf sein sollte. Cezanne studierte zunächst an der Universität in Frankfurt Lehramt für die Förderschule. In Erfurt belegte sie dann von 1995 bis 1997 ein Aufbaustudium Motologie. „Inzwischen gibt es diesen Studiengang dort leider nicht mehr, heute können Interessierte in Marburg eine entsprechende Ausbildung mit Bachelor- und Masterabschluss machen“, sagt die 48-jährige Mutter zweier Söhne.

Nach einiger Zeit freiberuflicher Tätigkeit bewarb sich Cezanne vor 20 Jahren bei der RFK, als diese die Kinder- und Jugendpsychiatrie aufbaute. „Das für mich Spannende ist, interdisziplinär mit Ärzten und dem gesamten Therapeutenteam zusammenzuarbeiten.

Dabei sind auch Motopäden, zu denen sich etwa Erzieherinnen und Heilpädagogen zusätzlich qualifizieren können – innerhalb eines Jahres an der Berufsfachschule oder innerhalb von zwei Jahren berufsbegleitend. „Motopädinnen arbeiten häufig auch präventiv in Kindergärten und Schulen“, sagt Cezanne. An der Rheinhessen Fachklinik arbeiten vier Fachkräfte der Motopädie mit Menschen aller Altersgruppen, auch wenn das ganzheitliche Konzept ursprünglich in der Kinder- und Jugendpsychologie entstand.

Und es sind nicht nur traumatisierte und emotional irritierte Kinder, denen Cezanne hilft. Auch Hyperaktiven, die immer wieder mit ihrem Verhalten anecken, kann die Mototherapie helfen, indem sie ihnen einen Rahmen gibt, in dem sie sich ausleben und ihre Energie rauslassen können, Aber sie lernen auch, Strukturen und Grenzen kennen. Ständig im Einsatz sind Alltagsmaterialien. Trampolin verändert Körperhaltung. Taue helfen bei Bindungsproblemen. „Wir arbeiten da mit Seilen, da wird verknüpft und verknotet, so verarbeiten die Klienten Lebenserfahrung.“ Kinder, die schon im Mutterleib Ängste erlebten, erfahren in Hängematten und Schaukeln Geborgenheit. Versäumtes wird nachgeholt.

Die meisten Kinder, die Cezanne behandelt, sind stationär in der RFK, aber es gibt auch eine Ambulanz, die vor allem Gruppentherapie anbietet, vor allem für ehemalige Patienten. Etwa Jugendliche mit Essstörungen, die hier üben sollen, ihren Körper positiv wahrzunehmen, sich zu entspannen und ein Gewicht zu erreichen, dass ihnen erlaubt, sich wieder bewegen zu dürfen. „Im Hochseilgarten und beim Bogentraining können sie Selbstwertgefühl gewinnen“, sagt die Motologin.

Ihr größtes Erfolgserlebnis: Wenn Jugendliche sich auf das Angebot einlassen und mit Stolz auf das, was sie sich an Selbstwertgefühl selbst erarbeitet haben, zum Schluss rausgehen. Wenn sich nach und nach die Körperhaltung verändert, sie zunehmend den Kopf oben halten.

DIE SERIE

„Die Nachbarin geht zum Podologen, was ist das eigentlich?“ – „Ich habe eine Überweisung zum Facharzt für Visceralchirurgie. Was macht der denn? – „Meine Tochter wird von einer Motopädin behandelt, das habe ich ja noch nie gehört!“ Manche Berufsbezeichnung im modernen Gesundheitsbetrieb gibt den Patienten Rätsel auf.

Diese Serie will einige davon lüften. Wir stellen Mediziner, Therapeuten und andere Fachkräfte aus dem Raum Alzey mit ihren besonderen Qualifikationen vor, Berufsbezeichnungen, unter denen sich vielleicht nicht jeder etwas vorstellen kann und erläutern, worum es geht.

Allgemeine Zeitung, 25. Juli 2018

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