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„Die Lage ist sehr angespannt“

31.07.2018, Soziales In der Pflege fehlen helfende Hände – Wie die Branche versucht, Fachkräfte zu gewinnen

Von Peter Zschunke

Rheinland-Pfalz. „Pflege ist für mich der schönste Beruf der Welt.“ Wenn Sandra Postel über die Betreuung von Menschen im Krankenhaus oder in der Altenpflege spricht, dann leuchten die Augen der Vizepräsidentin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz. In keinem anderen Beruf kann man so sinnvoll arbeiten wie in der Pflege, findet sie. Sie ist so nah an den Themen, die für Menschen existenziell wichtig sind.

Aber Kliniken, Altenpflegeheime, Einrichtungen für Behinderte und ambulante Stationen suchen händeringend nach Fachkräften. Bereits 2015 wurde in Rheinland-Pfalz eine Lücke von rund 1900 Pflegekräften ermittelt. Ohne weitere Maßnahmen zur Fachkräftesicherung werden 2020 schon 2751, im Jahr 2025 dann 4338 und im Jahr 2030 sogar 4945 Pflegekräfte fehlen. Sorge bereitet Trägern von Pflegeeinrichtungen eine anstehende „Ruhestandswelle“, da viele Beschäftigte in der Alten-, Kranken- und Behindertenpflege über 50 Jahre alt sind.

Was Prognosen und Statistik abbilden, spüren die Einrichtungen in ihrer konkreten Arbeit. „Ich habe den Eindruck, dass sich die Lage eher verschlechtert, als dass es besser wird“, sagt die Leiterin eines Seniorenheims in der Pfalz, die lieber anonym bleiben möchte. „Die Lage ist sehr angespannt, auch bei Ausbildungsplätzen gehen die Bewerberzahlen zurück.“

Was bedeutet das für die Menschen, die auf Pflege angewiesen sind? „Wir halten die Qualität unserer Arbeit schon – aber unter erschwerten Bedingungen“, antwortet die Heimleiterin. Der Stellenschlüssel für ihre mehr als 100 Pflegebetten, die zu 95 Prozent belegt sind, kann noch eingehalten werden, ebenso die gesetzlich geforderte Fachkraftquote in der Altenhilfe von 50 Prozent. Aber in etlichen anderen Einrichtungen ist die Quote auf der Kippe.

Wenn eine Einrichtung nicht genügend Fachkräfte bekommt, muss sie ihre verfügbare Kapazität einschränken. Zumindest zeitweise ist dies in diesem wie auch im vergangenen Jahr bereits passiert, etwa in Heimen der Arbeiterwohlfahrt. „Das hat dann die unmittelbare Konsequenz, dass die Angehörigen die Pflege übernehmen müssen“, sagt die Geschäftsführerin der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz, Sylvia Fink.

Und was macht der Fachkräftemangel mit den Pflegern in ihrem beruflichen Alltag? „Die Belastung ist sehr hoch“, antwortet die Heimleiterin. „Wenn jemand ausfällt, müssen andere einspringen. Je weniger da sind, desto mehr werden die vorhandenen Kräfte beansprucht.“ Im Ergebnis gibt es mehr Krankschreibungen wegen psychischer Belastung. Zur Lösung der Probleme hat das Sozial- und Gesundheitsministerium in Mainz alle Beteiligten im vergangenen Jahr mehrmals zusammengebracht und eine Vereinbarung zur Fachkräfte- und Qualifizierungsinitiative Pflege 2.0 erarbeitet. Diese soll nach Angaben des Ministeriums Ende dieses Jahres unterzeichnet und auf einem Fachkräftegipfel der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die Maßnahmen gehen in die richtige Richtung, sagt der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt Rheinland, Andreas Zels. Inwieweit sie dann auch die erhoffte Wirkung entfalten können, bleibt aber abzuwarten.

„Im Moment hat man den Eindruck, dass sich die Situation von Jahr zu Jahr verschlechtert“, sagt Zels. „Gleichzeitig nimmt die Zahl der Pflegebedürftigen zu.“ Zur Strategie des Landes gehören auch Fachkräfte aus dem Ausland. Im Rahmen eines Pilotprojekts des Bundeswirtschaftsministeriums begannen im Herbst vergangenen Jahres 22 Menschen aus Vietnam ihre dreijährige Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege in der Rheinhessen-Fachklinik Alzey und an der Universitätsmedizin Mainz. An einem Projekt zur Vorbereitung auf eine Ausbildung im Gesundheits- und Pflegewesen nehmen zudem in Neuwied 46 Geflüchtete teil, in Landau 17.

Dabei tritt die Pflegekammer Rheinland-Pfalz für eine möglichst umfassende Qualifizierung ein. Ungehalten ist die Krankenpflegerin und Pflegewissenschaftlerin Postel, wenn mit Blick auf den Fachkräftemangel die Anforderungen an Pflegeberufe abgesenkt werden sollen. So hat Hessen die Ausbildung in der Altenpflegehilfe auch für Menschen ohne Schulabschluss geöffnet.

„Das geht dann nach dem Motto: Pflegen kann ja jeder“, kritisiert Postel. Aber wenn zum Beispiel in der Psychiatrie ein Patient eskaliert und um sich schlägt, sind Wissen und Kompetenz erforderlich, um sinnvoll mit einer solchen Situation umgehen zu können. „Wenn wir Menschen ohne das erforderliche Qualifikationsniveau sehenden Auges in eine solche Situation bringen, hat das für mich etwas mit struktureller Gewalt zu tun.“

Gewalt in Heimen, Kliniken oder in der ambulanten Betreuung ist in der Pflegekammer immer wieder ein Thema – sowohl von betreuten Menschen gegen das Pflegepersonal als auch von Pflegern gegen die ihnen anvertrauten Menschen. Die Pflegekammer Rheinland-Pfalz vertritt 39 500 Angehörige von Pflegeberufen; die Mitgliedschaft ist verpflichtend. Experten der Kammer weisen immer wieder auf Zusammenhänge zwischen Gewalterfahrungen und den Arbeitsbedingungen in der Pflege hin, insbesondere auf das Zahlenverhältnis von Fachkräften und Patienten und auf das Ausbildungsniveau der Fachkräfte.

Auch bei der Ausbildung in der Kranken- und Altenpflegehilfe fordert die Pflegekammer eine Anpassung an die gestiegenen Anforderungen. Diese Ausbildung dauert zurzeit ein Jahr, während die Fachkraftausbildung drei Jahre umfasst. Wenn die Helferausbildung auf zwei Jahre verlängert würde, so erklärt Postel, würde dies nicht nur der Arbeit in den Einrichtungen zugutekommen. Es würde auch dazu beitragen, dass Flüchtlinge bei Aufnahme einer Ausbildung in der Kranken- oder Altenpflegehilfe in den Anspruch einer Duldung kämen. „Hierfür brauchen wir geeignete Ausbildungskonzepte“, fordert Postel. „Ein gutes Qualifikationsniveau kostet eben auch Geld.“

Oeffentlicher Anzeiger, 31. Juli 2018

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