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Wenn das Essen zur Qual wird Experten für den Menschen:

26.09.2018, Julia Becker kümmert sich in der RFK als Dysphagie-Therapeutin um Patienten mit Schluckstörungen

Von Stefanie Widmann  

ALZEY Wer als Patient mit einem schweren Schlaganfall in die Stroke-Unit der Rheinhessen Fachklinik (RFK) eingeliefert wird, ist noch lange nicht über dem Berg. „Wenn der Patient nicht in der Lage ist, richtig zu schlucken, können der Speisebrei oder andere Keime ganz schnell in die Luftröhre geraten und dort zu einer sehr schweren Lungenentzündung führen. Die kann dann sogar tödlich enden“, erläutert Dr. Christof Keller, Chefarzt der Neurologie an der RFK. Dysphagie nennt man Schluckstörungen, nicht nur solche als Folge eines Schlaganfalls. Diese in den Griff zu bekommen, ist entscheidend für das Überleben von Schlaganfall- und Schädelhirn-Geschädigten. Wieder korrekt schlucken zu können lernen die Patienten bei Ergotherapeuten mit der Zusatzausbildung für Dysphagie. Julia Becker ist eine von sechs solcher Spezialisten in der RFK und die erste, die dafür zertifiziert wurde.

Die Bad Bergzabernerin hat sich den Beruf der Ergotherapie ausgesucht, weil er ein sehr breites Arbeitsspektrum biete und zunächst viele Wege eröffnet. Bei der Ausbildung in Mainz stellte sie fest, dass die Neurologie sie besonders interessiert. Kollegen erzählten ihr von ihren positiven Erfahrungen während eines Praktikums in der RFK und so bewarb sie sich nach knapp einem Jahr Berufserfahrung in Alzey und wurde genommen.

Was sie am Umgang mit den schwerkranken Patienten reizt? „Man kann dort mit Therapie sehr viel erreichen, die Menschen kommen auf einem Tiefpunkt zu mir und lernen wieder schlucken, essen, sitzen und laufen. Und dafür sind sie ungeheuer dankbar.“

Um die Schluckstörung zu behandeln, schaut sich Becker zunächst das Gesicht sowie den Mund-Rachen-Raum an. „Ein ganz wichtiger Punkt ist die Zunge“, sagt sie. Da man den Schluckakt von außen aber nicht sehen kann, muss dazu per Endoskopie eine Kamera an einem Schlauch durch die Nase in den Rachenraum geführt werden. Wenn die Dysphagie-Spezialistin Klarheit über die Situation hat, versucht sie, mit Kompensationsstrategien und Übungen die Schluckfunktion wieder zu verbessern. „Oft ist einfach auch die Sensibilität verloren gegangen, dann hat der Patient kein Gefühl mehr im Mund“, sagt die 27-Jährige.

Manchmal reicht das Wissen über dieses Manko, damit der Patient es langsam beheben kann, manchmal arbeiten die Dysphagie-Therapeuten mit äußerlichen Reizen, wie Eis oder Vibration, um den Schluckmechanismus wieder in Gang zu setzen. Über verschiedene Stufen arbeitet der Betroffene sich dann langsam hoch – von Brei über Flüssigkeiten, bis er auch wieder feste Nahrung zu sich nehmen kann. „Manche Patienten können innerhalb weniger Tage wieder normal schlucken, bei anderen dauert es mehre Monate oder Jahre und einige lernen es leider nie mehr“, erläutert Becker.

Manche Patienten könnten nicht einmal mehr den eigenen Speichel schlucken und der summiere sich beim Menschen auf einen bis anderthalb Liter pro Tag. Wenn der in die Lunge laufe, würden sie regelrecht ertrinken. Spätestens wenn das droht, kommt eine Trachialkanüle zum Einsatz, die durch einen Luftballon die Lunge gegen Speichel dichtmacht. Aber Patienten und Angehörigen zu erklären, warum das nötig ist, sei oft nicht ganz leicht. Dann heiße es üben und sich bemühen, damit der Betroffene das Gerät wieder loswird, denn die Trachialkanüle bedeute eine starke, aber in dieser Situation lebenswichtige Einschränkung.

„Es ist viel Aufklärung nötig, damit die Angehörigen die Gefahr durch eine Dysphagie verstehen und nicht etwa Streuselkuchen oder Trauben mitbringen und sich nach den Anweisungen richten, um den Patienten nicht zu gefährden und auch zeitweise Schläuche am Körper des Angehörigen akzeptieren“, sagt Keller.

In Alzey gibt es neben der Stroke-Unit, der Spezialabteilung für Schlaganfälle, auch drei Frührehabilitationsstationen mit 35 Betten. Von den 500 akuten Schlaganfallpatienten haben 200 Schluckstörungen, sagt Keller, von den 350 Patienten in der Frühreha rund 60 Prozent. Die sechs Schlucktherapeutinnen hätten enorme Erfahrung, ein riesiges Know-how und enormes Engagement. „Am schönsten ist es, wenn jemand, der mit Trachialkanüle gekommen ist, mit uns, bevor er geht, ein Stück Kuchen ist. Das ist Lebensqualität – und die Dankbarkeit ist groß“, sagt Becker.

DIE SERIE

„Die Nachbarin geht zum Podologen, was ist das eigentlich?“ – „Ich habe eine Überweisung zum Facharzt für Visceralchirurgie. Was macht der denn? – „Meine Tochter wird von einer Motopädin behandelt, das habe ich ja noch nie gehört!“ Manche Berufsbezeichnung im modernen Gesundheitsbetrieb gibt den Patienten Rätsel auf.

Diese Serie will einige davon lüften. Wir stellen Mediziner, Therapeuten und andere Fachkräfte aus dem Raum Alzey mit ihren besonderen Qualifikationen vor, Berufsbezeichnungen, unter denen sich vielleicht nicht jeder etwas vorstellen kann und erläutern, worum es geht.

Allgemeine Zeitung, 26. September 2018

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