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Zwischen Wahnvorstellungen und Selbstbestimmung

29.03.2019, Wie Betroffene, Angehörige und Fachkräfte in der Alzeyer Psychiatrie gemeinsam Lösungen finden können

Von Torben Schröder

ALZEY . Eine Frau Anfang 30 leidet an einer schizoaffektiven Psychose. Diese Krankheit bringt Wahnvorstellungen und Halluzinationen mit sich, auch seltsames motorisches Verhalten. Bislang lebte sie im Elternhaus, in ständiger ärztlicher Betreuung, Maßnahmen zur Eingliederung ins für sie schwierige Alltagsleben liefen. Doch dann hält sie auf einmal keine Vereinbarungen mehr ein, lehnt Hilfe und Medikamente ab, will woanders hinziehen. Die Eltern sind in Sorge, besser wäre doch, sie ginge in ein Heim. „Ich habe ein Recht auf ein eigenes Leben“, sagt die junge Frau, „ich fühle mich gesund, die Tabletten machen mich dick und sabbernd.“ Der Betreuer spricht von einer „ziemlich heißen Kiste“.

Was machen wir? Diese Frage stellte Holger Marx, Psychiatriekoordinator für den Kreis Mainz-Bingen, den gut 50 Besuchern in der Alzeyer Kreisverwaltung. Gebt ihr eine Chance, man muss selbst Lehrgeld zahlen, sagt jemand, der eine ganz ähnliche Geschichte hinter sich hat. Lasst sie gehen, aber behaltet sie möglichst gut im Blick, findet jemand, der beruflich psychisch Kranke betreut. Ein anderer Betroffener spricht vom „Dilemma der Demokratie“, die psychische Auffälligkeiten „professionalisiert“, weil sie mit ihren Erscheinungsformen nicht zurechtkommt. „Eine ganz schwere Entscheidung“, sagt eine junge Mitarbeiterin in der Wiedereingliederungshilfe, „es ist gut, dass ich hier bin.“

Der offene Austausch von Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten ist wesentlicher Bestandteil des Trialogs, der voriges Jahr in Mainz stattfand und kommendes Jahr im Kreis Mainz-Bingen wiederholt werden soll. Das eingangs beschriebene Rollenspiel setzte sofort eine rege Diskussion in Gang, schon bald gab es mehr Wortmeldungen, als die Diskussionsleiter überblicken konnten. Keine Namensschilder, keine Institutionenzugehörigkeit, nur wer wollte, stellte sich vor. Psychisch Kranke oder Beeinträchtigte, deren Freunde und Familie sowie die Hauptberuflichen sprechen auf Augenhöhe, das ist der Grundgedanke der trialogischen Idee. Vor einigen Jahren gab es schon einmal eine Veranstaltungsreihe in Mainz, die allerdings, wie Marx berichtet, irgendwann zum Erliegen kam. Mit dem Zuspruch bei der Wiederauflage, inklusive der 60 Besucher in Mainz voriges Jahr, sind die Macher zufrieden. Denn der Trialog soll auch Signalwirkung haben, um über Multiplikatoren die Grundidee in die Praxis zu bringen. „Auf Augenhöhe kommunizieren, Respekt haben, die Wahrnehmung des anderen akzeptieren. Nicht wie früher in der Psychiatrie, wo der Arzt bestimmt, der Betroffene tut oder eben nicht tut und die Angehörigen zappeln drum herum“, bringt es Gesa Mertz, Psychiatriekoordinatorin Alzey-Worms, auf den Punkt.

Für die Betroffenen soll der Trialog den Weg hinaus aus der Stigmatisierung ermöglichen, sagt Robert Jacobs, Ex-In-Genesungsbegleiter. „Jeder Mensch hat das Potenzial zur Genesung! Jede Person kann die Verantwortung für ihre Entscheidungen selbst übernehmen! Jeder Mensch weiß für sich am besten, was für ihn hilfreich ist!“ Diese Sätze stehen auf der Rückseite seiner Visitenkarte. Die Stigmatisierung, von der der Mitarbeiter an der zur Rheinhessen-Fachklinik gehörenden Tagesklinik Bingen spricht, betrifft auch die eigene Vorstellungswelt der Erkrankten. „Wir wollen mehr Inklusion erreichen, auch innerhalb der Betroffenen selbst“, erläutert Jacobs.

Die Psychiatriekoordinatoren helfen dabei, denn sie sollen die Angebote im Zusammenhang mit psychischen Störungen und Belastungen vernetzen, Leistungsanbieter, Kliniken, Gruppen und Betroffene zusammenbringen, wie Marx erläutert. Dabei geht es auch darum, den trialogischen Ansatz weiter zu implementieren. Die Betreuungssituation im Kreis Alzey-Worms ist Mertz Einschätzung nach gut, was vor allem an der Rheinhessen-Fachklinik liege. „Aber im ambulanten Bereich haben wir ein Problem, die Psychiater brechen mehr und mehr weg“, sagt sie. Auch im niedrigschwelligen Bereich gebe es Nachholbedarf. Umso wichtiger, dass die vorhandenen Angebote eng am Bedürfnis der Patienten ausgerichtet sind.

Allgemeine Zeitung, 29. März 2019

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