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„Das Gehirn ist evolutionär nicht optimal vorbereitet“

17.09.2019, Interview: Kinder- und Jugendpsychiater Michael Huss über „starke Kinder“ und darüber, welche Gefahren es für die kindliche Entwicklung heutzutage gibt

WÖRRSTADT In der modernen Gesellschaft stehen Kinder und Jugendliche vor ganz neuen Herausforderungen – umso wichtiger ist es, ihnen eine Entwicklung hin zum „starken Kind“ zu ermöglichen. Am Donnerstag, 19. September, hält der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und –psychosomatik an der Rheinhessen-Fachklinik Mainz, Prof. Dr. Michael Huss, einen Vortrag zu dem Thema in Wörrstadt. Die AZ sprach mit dem Experten im Vorfeld über kindliche Entwicklung und persönliche Erfahrungen.

Herr Professor Huss, wie definieren Sie ein starkes Kind?

Starke Kinder zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass sie so etwas wie ein stabiles Selbstwertgefühl und ein Grundvertrauen in ihr Lebensumfeld haben. Das klingt zunächst einmal recht schlicht, ist aber bei näherer Betrachtung überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Die wichtigste Grundlage ist das, was man – vielleicht schon komplett altmodisch – als Liebe bezeichnet. Geliebte Kinder haben eine gute Chance, mit einem Grundvertrauen auf die vielen Entwicklungsaufgaben zuzugehen, die das Leben auch schon in frühen Jahren so bietet. Und das sind durchaus nicht immer die leichtesten Aufgaben. Da soll man sich in einem leistungsorientierten Schulsystem, vielleicht auch mit dem Verlust einer Bindungsperson, Kritik an den eigenen Defiziten, später dann mit dem eigenen Aussehen und schließlich mit dem sozialen, kulturellen und politischen Umfeld auseinandersetzen. Vielleicht kommt noch eine Krankheit hinzu oder so etwas Destruktives wie eine Misshandlung oder wie Mobbing. Zum Glück gibt es sehr viele starke Kinder, doch beobachten wir über die letzten Jahre und Jahrzehnte, dass starke Kinder durchaus keine Selbstverständlichkeit sind.

Waren Sie in Ihrer Kindheit selbst eines?

Rückblickend würde ich sagen ja. Vielleicht färbe ich mir das auch in der Betrachtung der Vergangenheit positiver ein, als es in Wirklichkeit war. Jedenfalls habe ich immer das Gefühl gehabt, ich kann etwas erreichen, wenn ich es nur wirklich will. Ansonsten war aber mein Selbstwertgefühl durchaus in manchen Bereichen eher brüchig. Insbesondere hatte ich in Bezug auf bestimmte Männlichkeitsrituale, die in einem ländlichen Milieu, etwa im Handballverein, selbstverständlich dazu gehört haben, immer das Gefühl, ich wäre nicht „männlich“ genug. So vertrug ich beispielsweise nur ganz wenig Alkohol und interessierte mich für Themen, die sonst eher nicht für klassische „Jungs“ vorgesehen waren. Allerdings war ich in Sachen Technik und Motoren dann wieder vorne mit dabei, insbesondere wenn es im Jugendalter um Fragen der kostengünstigen Reparaturen von Mofas oder um Fragen der PS-Steigerung ging. Das hat mich dann immer wieder gerettet.

Im Vergleich zu Ihrer eigenen Kindheit hat sich die Welt stark verändert. Welche Gefahren sehen Sie heute für die Entwicklung hin zu einem starken Kind?

Wir haben es mit einer beschleunigten Taktfrequenz an Veränderung in dem Lebensumfeld der Kinder zu tun, die wir uns so nicht hätten ausmalen können und die vermutlich sogar noch weiter zunimmt. Das Gehirn ist rein evolutionär darauf nicht optimal vorbereitet, wenn es beispielsweise um die Nutzung von sozialen Medien, den Umgang mit virtueller Gewalt oder Sexualität geht. Auch der Umgang mit Computerspielen will gelernt sein – und da müssen wir noch kräftig nachlegen, was die Ausbildung zur Medienkompetenz anbelangt. Die größte Herausforderung sehe ich aber darin, dass auf die Erwachsenen von Morgen viele essenzielle Aufgaben zukommen – zum Beispiel Migration, Klimawandel, aber auch das Problem der „Fake News“ und vermutlich sogar genveränderte Menschen –, für die wir bislang noch nicht mal einen guten Ansatz haben, wie man diese Aufgaben angehen soll. Mit den bisherigen Konzepten jedenfalls nicht. Die haben nicht funktioniert.

Sie arbeiten täglich mit Kindern und Jugendlichen. Sind diese heute stärker durch äußere Einflüsse gefährdet als früher?

Kinder haben auch heute noch richtig viel Kraft, wenn sie diese entfalten dürfen. Mir scheint es eher an guten Rollenmodellen zu mangeln, wenn es eben mal nicht gut läuft. Auch scheint mir der Schutz vor Gewalt, Missbrauch und altersunangemessenen Inhalten im Netz deutlich verbesserungswürdig. Ich bin weder Pessimist noch neige ich zur Schwarzmalerei oder gar zur Verklärung der „guten alten Zeit“. Sorgen mache ich mir aber schon.

In Alzey gab es jüngst einmal mehr Diskussionen um sogenannte Helikoptereltern. Hemmen nicht gerade solche Eltern aus Sorge um ihren Nachwuchs die Entwicklung hin zu einem starken Kind?

Ja. Das tun sie. Aber sie sind ja meist nicht ohne Grund als Helikoptereltern unterwegs. Diese Gründe muss man wertschätzend im Auge behalten, bevor man dieses Verhalten kritisiert. Wenn das eigene Kind gemobbt wird, ist es zunächst einmal ein ganz natürlicher Impuls von Eltern, das Kind vor weiteren Traumatisierungen zu schützen. Doch auch schützen muss gelernt sein.

Grob umrissen, was muss jungen Menschen mit auf den Weg gegeben werden, um sie zu einer starken Persönlichkeit zu machen, sie vor schädigenden Einflüssen zu schützen?

Zunächst einmal eine möglichst bedingungslose Akzeptanz ihrer Person, egal, ob sie vermeintliche Defizite aufweisen oder möglicherweise nicht dem entsprechen, was sich die Eltern in Bezug auf die eigenen Kinder so vorgestellt hatten. Gleichzeitig sollten junge Menschen aber auch die Fähigkeit entwickeln, mit Kritik am eigenen Verhalten umzugehen. Wenn man sich falsch verhalten hat, darf das auch kritisiert werden und es sollten Anstrengungen unternommen werden, die Situation in Ordnung zu bringen oder Vorkehrungen zu treffen, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

Lob sollte es nicht pauschal für etwas geben, wofür man sich gar nicht anstrengen musste, und Kritik nur für etwas, was man auch zu verantworten hat. Und wenn man dann doch einmal versagt hat oder eben alles ganz anders gelaufen ist, als man sich das gewünscht hat oder es zu warten war: Wieder aufstehen! – Staub abklopfen! – Krone wieder zurechtrücken! – Weitergehen!.

Schwere Traumatisierungen möchte ich davon aber ausnehmen. Da kann es durchaus sein, dass man recht lange braucht, um den Staub abzuklopfen oder gar die eigene Krone wieder zurechtzurücken. Manchmal behält man sogar ein Leben lang eine innere Narbe zurück. Daher muss man mit Traumatisierungen auch entsprechend feinfühlig, fachlich geschult und vorsichtig umgehen. Dazu gehören dann auch leise Töne und kleine Handlungen, die im geschützten therapeutischen Raum wertschätzend gelebt werden. Das ist auch Teil meines Berufs als Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut.

Das Interview führte Steffen Nagel.

VORTRAG

Der Vortrag „Starke Kinder“ mit Prof. Dr. Michael Huss findet statt am Donnerstag, 19. September , 19 Uhr, in der Neubornschule, Obere Schulstraße 16, Wörrstadt.

 

Allgemeine Zeitung, 17. September 2019

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