Zu den Inhalten springen

Navigation

Suche

twitter

Servicenavigation

Funktionen

| Schriftgröße
 

Presse Detailansicht

Glücksfall, der tief blicken lässt

09.11.2011, Sonderausstellung „Spiegel der Seele - Spiegel der Zeit“ zeigt Bilder zweier Bewohner der Heil- und Pflegeanstalt

Man schrieb das Jahr 1914. „Zeit am Rande des großen Krieges“, wie der Untertitel der Ausstellung „Spiegel der Seele - Spiegel der Zeit“ lautet, die nun im Alzeyer Museum eröffnet wurde. Eine Zeit voll von Hysterie und Größenwahn. Ganz Europa wurde eine „krankhafte Nervosität“ bescheinigt. Wie sollte dieser Zeitgeist an den Menschen, die das Schicksal in die Alzeyer Heil- und Pflegeanstalt verschlagen hatte, spurlos vorübergehen?

Dr. Walter Rummel, Leiter des Landesarchivs Speyer, zieht in seiner Rede Vergleiche zwischen dem Geistesszustand der beiden Anstaltsinsassen, deren Bilder in der Ausstellung gezeigt werden, und dem Zustand des Deutschen Reichs. Nach der Begrüßung Bürgermeister Christoph Burkhards führt Rummel seine Zuhörer in die Ausstellung ein. Im Mittelpunkt stehen die Bilder und Zeichnungen der beiden Männer Ottmar Thomas und Peter Mikolajewski. Doch besteht die Ausstellung aus zwei separat konzipierten, sich ergänzenden Teilen.

Die Text- und Bildtafeln zur Geschichte der Rheinhessen-Fachklinik, zusammengestellt aus den Exponaten des dort eingerichteten, kleinen Museums, zeigen Zusammenhänge auf, die anders vielleicht nicht hätten deutlich werden können. Museumsleiter Dr. Rainer Karneth weist darauf hin und dankt der Rheinhessen-Fachklinik für die leihweise Überlassung der Tafeln.

Freiheiten, trotz unmenschlicher Zustände
„Der Ruf der Klinik“, sagt Rummel, „ist seit Jahren hervorragend. Das war jedoch nicht immer so.“ Die Behandlung der Kranken war vor 100 Jahren eine völlig andere. Die Zwangsmaßnahmen, die Menschen in Heilanstalten generell - nicht nur in der „großherzoglich-hessischen Irrenanstalt Alzey“ - ausgesetzt waren, muss man heute als menschenverachtend bezeichnen.

Doch gab es Freiheiten, die andernorts unüblich waren: Die Zeichnungen der beiden Kranken gehören dazu. Dass sich diese Zeichnungen in den Speyerer Akten fanden und nun gezeigt werden können, muss man als einen Glücksfall bezeichnen, denn Zeichnen war, wie auch andere künstlerische oder handwerkliche Tätigkeit, kein Bestandteil der Therapie.

Die Bilder von Mikolajewski könnten als naive, kindliche Zeichnungen gelten, bei genauerem Hinsehen entdeckt man jedoch die Beobachtungsgabe, die die Arbeiten dieses Mannes auszeichnet. Auf den scheinbar friedlichen Städteansichten finden sich oft Kriegsschiffe, seine traumatisierenden Erfahrungen als Fremdenlegionär fließen in Bilder von Schlachten, Misshandlungen und Erschießungen: „Spiegel der Zeit“.

Die Arbeiten von Thomas sind „erwachsener“ und zeigen, unabhängig vom Sujet, ein hohes zeichnerisches Können. Das wird in der Vergrößerung besonders deutlich - alle Zeichnungen sind um etwa ein Drittel vergrößert, von einzelnen Motiven werden stärker vergrößerte Ausschnitte gezeigt. Häufig zeigen die Bilder Persönlichkeiten des damals aktuellen politischen Geschehens, wie die Familie des Kaisers oder Napoleon, oft im Stile eines Poesiealbums mit Randvignetten, deutlich vom Jugendstil beeinflusst, aber in düsteren Farben. Er sieht sich als „von Gott Gesandter“. Seine Ärzte bescheinigen ihm „Dementia paranoides“ mit religiösem Wahn.

„Ich soll verrückt sein? Dann wäre ja die ganze Welt verrückt!“ Das Zitat von Ottmar Thomas kann als Leitmotiv der Ausstellung gelten. Die Bilder beider Männer gewähren tiefe Einblicke in ihre kranken Seelen - und in die damalige, nicht minder kranke Zeit.

Allgemeine Zeitung, 9. November 2011

 

© Rheinhessen-Fachklinik Alzey 2019 | Impressum | Datenschutz