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Wenn jede Mahlzeit zum Problem wird

12.11.2011, Alzeyer Symposion der Rheinhessen-Fachklinik beschäftigt sich mit modernen Krankheitsbildern

Das Alzeyer Symposion in der Rheinhessen-Fachklinik widmete sich diesmal dem Thema „Essstörung, eine Herausforderung in jedem Lebensalter“. Die AZ sprach mit Dr. Andreas Stein darüber.

Warum wurde das Thema Essstörung für das Symposion ausgewählt?

Dr. Andreas Stein:
Im Gegensatz zu früheren Zeiten machen sich die meisten Menschen in Deutschland oder den westlichen Kulturen mit Nahrungsüberfluss heute keine großen Sorgen mehr, ob für jeden von uns genug Nahrung zur Verfügung steht. Es ist oft eher umgekehrt, viele haben Angst zu viel zu essen und beobachten und kontrollieren genau ihr Essverhalten und Gewicht, wollen abnehmen oder zumindest nicht zunehmen. Verantwortlich ist dafür nicht selten auch ein übertriebenes Schlankheitsideal. Vorbilder aus der Mode und der Medienwelt gaukeln vor, dass nur magere Menschen schön und anerkannt sind. Dies ist eine von mehreren Ursachen für die Zunahme diagnostizierter Essstörungen wie die Magersucht (Anorexie) oder „Ess-Brech-Sucht“ (Bulimie). Andererseits gibt es auch Menschen mit einem erheblichen Übergewicht (Adipositas) und einhergehenden gravierenden Folgeschäden wie Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes. Eine in den letzten Jahren zunehmend als eigenständiges Krankheitsbild anerkannte Sonderform einer Essstörung ist die sogenannte „Binge-Eating-Störung“. Hier kommt es zu Heißhungeranfällen mit unkontrolliertem Essen großer Nahrungsmengen. Insgesamt sind die in der Rheinhessen-Fachklinik behandelten Essstörungen mit ihren schwerwiegenden, nicht selten zum Tode führenden Krankheitskomplikationen eine immer währende medizinische und psychotherapeutische Herausforderung, so dass wir die Essstörungen zum Thema des inzwischen 21. Alzeyer Symposions gewählt haben.

Welche aktuellen medizinischen Erkenntnisse wurden beim Symposion vermittelt?

Dr. Andreas Stein:
Die Vorträge hatten unterschiedliche Schwerpunkte. So wurden neue Forschungsergebnisse bei der Diagnosestellung einzelner Essstörungen mitgeteilt. Prof Rüddel, Chefarzt des Franziskastiftes in Bad Kreuznach, berichtete unter anderem über Krankheitsvorläufe von Patienten mit über Jahrzehnte verlaufender Magersucht oder Bulimie, wies aber auch auf eine sorgfältige internistische Abklärung und Kontrolle bei diesen Patienten hin. Prof. Schwarz aus Mannheim referierte über neuere Forschungsergebnisse zur Mangelernährung im Alter und deren Auswirkung auf Sterblichkeit und geistigen Abbau.

Gibt es Unterschiede zwischen Essstörungen im Kindes- und Jugendalter und jene bei Erwachsenen?

Dr. Andreas Stein:
Magersucht und Bulimie, massive Adipositas und Binge-Eating sehen wir im Kindes- und Jugendalter, aber ebenso im Erwachsenenalter, wobei altersspezifische Ausprägungen zu beachten sind. Dr. Gather, Leiter der gerontopsychiatrischen Abteilung der Rheinhessen-Fachklinik, berichtete von einer Patientin mit einem über 50-jährigen Verlauf einer Magersucht. Die Alters- und Demenzforschung befasst sich auch mit der Auswirkung von Ernährung auf die Demenz. Fazit war, was schon längst bekannt ist: Neben einer gesunden, am besten „mediterranen“ Ernährung, helfen viel Bewegung an der frischen Luft und eine gute soziale Einbindung bei geistiger Frische alt zu werden. Auch ein Glas Wein täglich scheint einen gewissen protektiven Effekt zu haben, allerdings können größere Alkoholtrinkmengen zu schweren internistischen Schäden und Hirnabbauprozessen führen. Studien weisen auch daraufhin, dass die unbegrenzte Einnahme bestimmter Nahrungsergänzungsmittel eher schädlich als nützlich sein kann.

Wie ernst ist eine Essstörung zu nehmen?

Dr. Andreas Stein:
Die Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Todesrate. Trotz vielfältiger Hilfen sterben immer noch etwa zehn Prozent der Magersüchtigen während ihres in vielen Fällen chronischen Krankheitsverlaufs. Auch die anderen erwähnten Essstörungen führen zu chronischen, teils gravierenden körperlichen und psychischen Folgeschäden mit einer verkürzten Lebensspanne.

Das Gespräch führte Thomas Ehlke

Allgemeine Zeitung, 12. November 2011

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