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„Die Kassen ziehen kaum mit“

10.12.2012, Harsche Kritik an neuem Abrechnungssystem für Psychiatrie / RFK-Leitung befürchtet schlechtere Versorgung

„Das System ist mit der Brechstange durchgedrückt worden“ - Frank Müller, Pflegedirektor der Rheinhessen-Fachklinik, macht aus seinem Unmut keinen Hehl. Und mit dem Ärger ist er nicht allein. Bundesweit machen Betroffenen- und Angehörigenverbände und psychiatrische Kliniken Front gegen ein neues Entgelt- und Abrechnungssystem, das bereits ab dem Jahreswechsel eingeführt wird. Die Kritiker befürchten deutliche Verschlechterungen in der Versorgung der Patienten und monieren, der neue Modus bilde die besonderen Erfordernisse psychiatrischer Behandlungen nicht ab.

Das Kernproblem liegt in der sogenannten degressiven Gestaltung von Tagespauschalen. Während die Krankenhäuser im bisherigen Abrechnungssystem mit „tagesgleichen Pflegesätzen“ pro bewilligtem Behandlungstag immer gleiche Beträge von den Krankenkassen erhielten, sinken die Zahlungen der Kassen nun mit fortschreitender Behandlungsdauer. Die Politik verspricht sich dadurch, ähnlich wie bei der Einführung der Fallpauschalen in den somatischen Krankenhäusern vor einigen Jahren, kürzere Behandlungen und damit sinkende Kosten.

„Das System läuft der Struktur unserer Behandlungen völlig entgegen“, hat Müller kein Verständnis für den Abrechnungsmodus. Anders als bei der Behandlung körperlicher Beschwerden könne die voraussichtliche Behandlungsdauer in der Psychiatrie kaum abgeschätzt werden, auch seien Mittelwerte nicht aussagekräftig. „Mit derselben Diagnose kann ein Patient drei Tage Behandlung benötigen, ein anderer aber 90 Tage“, erläutert Müller.

Hinzu komme, dass auch die Kostenentwicklung im Verlauf einer Behandlung häufig umgekehrt zu der in somatischen Klinken verlaufe. Vereinfacht erklärt: Wenn jemand für eine Operation ins Krankenhaus kommt, steht diese am Anfang der Behandlung. Mit fortschreitender Heilungsphase benötigt der Patient dann immer weniger Zuwendung, verursacht weniger Kosten. „Bei uns gehen Behandlungen wegen der Ängste oder Depressionen, mit denen die Patienten zu uns kommen, oft erst nach einiger Zeit richtig los. Direkt einsteigen geht nicht und wäre sogar kontraproduktiv“, erklärt Müller, der bei immer früherer Entlassung der Patienten einen verstärkten „Drehtüreffekt“ befürchtet. Das Problem, dass entlassene Patienten bald wieder aufgenommen werden müssten, verstärke sich dadurch noch zusätzlich, dass kurzfristige Wiederaufnahmen nach dem neuen System nicht wieder mit dem vollen Eingangspauschalsatz behandelt werden sollen. Stattdessen vergüten die Kassen nur den Betrag, der zum Ende der vorherigen Behandlung gezahlt wurde. Besonders problematisch könnte sich das beispielsweise für Suchtpatienten auswirken, die bei Rückfällen sofortiger und intensiver Hilfe bedürfen. „Um kostendeckend therapieren zu können, müssten wir den Patienten eigentlich warten lassen und das wäre natürlich fahrlässig“, so die Ärztliche Direktorin Dr. Anke Brockhaus-Dumke.

Und noch ein weiterer Punkt stößt den Verantwortlichen der Fachklinik bitter auf. „Auf der einen Seite sollen wir die Patienten früh entlassen, auf der anderen Seite gibt es überhaupt keine Anreize, die Ambulanzstruktur zu verbessern“, ärgert sich Müller und verweist auf die monatelangen Wartezeiten bei niedergelassenen Therapeuten. „Die Krankenkassen ziehen kaum mit. Diese Haltung ist sehr inkonsequent.“ Nur mit einer einzigen Kasse gebe es beispielsweise eine Kooperation beim Projekt Statt-Krankenhaus, mit dem die RFK versucht, stationäre Aufnahmen zu vermeiden. Große Krankenkassen, die sich am Aufbau ambulanter Strukturen beteiligten, gebe es in Rheinland-Pfalz keine.

Was sich die RFK-Leiter wünschen, ist mehr Zeit, ein geeigneteres System auszuhandeln, oder zumindest eine solidere Datenbasis zu schaffen, um der tatsächlichen Kostenstruktur näher zu kommen. „Zurzeit sind viele Diagnosen im Katalog gar nicht vorhanden“, so Müller, der nach dem gegenwärtigen Katalog nicht abschätzen kann, welche finanziellen Auswirkungen das Abrechnungssystem für die RFK haben wird: „Das ist für alle Kliniken ein Blick in die Glaskugel.“

Allgemeine Zeitung, 10. Dezember 2012

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