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Mitarbeiter der Rheinhessen-Fachklinik als Demenzkranke in Alzey unterwegs

11.12.2013, Ungewöhnliches Sozialexperiment als Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung "Demenz ist anders"

Agnes Schmidt tappt barfuß durch den Alzeyer Real-Markt. Sichtlich verwirrt fragt sie eine andere Kundin: „Können Sie mir helfen? Ich weiß nicht mehr, wo meine Schuhe sind.“ Ohne zu zögern, hilft ihr die Frau bei der Suche. Und tatsächlich wird sie fündig: Im Einkaufswagen von Agnes Schmidt liegen sie zwischen den Waren. „Wie konnte ich das vergessen?“, zeigt diese sich verunsichert. Das könne doch mal passieren, erwidert die Kundin beruhigend. Dann klärt Agnes Schmidt die Situation auf. In Wirklichkeit heißt sie nämlich Bettina Koch und arbeitet als Sozialarbeiterin in der Tagespflege der Rheinhessen-Fachklinik (RFK). Am Dienstag mimt sie dagegen mit drei Kollegen als Laiendarstellerin einen an Demenz erkrankten Menschen.

Große Hilfsbereitschaft
Jenes ungewöhnliche Sozialexperiment ist Teil des Rahmenprogramms zur Wanderausstellung „Demenz ist anders“. Das Ziel dahinter: Aufklärungsarbeit durch bewusste Konfrontation mit der Krankheit zu leisten. „Studien belegen, dass viele Leute sehr verunsichert sind, was das Thema Alzheimer und Demenz angeht“, berichtet RFK-Pflegedienstdirektor Frank Müller. Neben Fachvorträgen und einem Film wollte er deshalb eine Aktion „im echten Leben“ durchführen. Der Real-Markt erschien dafür der ideale Schauplatz. Geschäftsleiter Ralf Rassillier war von der Idee jedenfalls sogleich überzeugt. „Ich habe bewusst nicht alle Mitarbeiter informiert, um zu testen, wie sie im Ernstfall reagieren würden.“

Was die Hilfsbereitschaft betrifft, die den vier Demenzerkrankten entgegenschlägt, sind die Laien-Darsteller in Diensten der RFK selbst erstaunt. Sowohl Kunden als auch Personal zeigen ein hohes Maß an Unterstützung. Am Vormittag hält Karl Fuchs sich etwa in der Obst- und Gemüseabteilung auf. „Ich weiß nicht mehr, wo ich wohne“, wendet er sich ängstlich an eine 72-jährige Dame. Die nimmt sich seiner an und führt ihn in Richtung Information am Geschäftseingang, um ihm zu helfen. Auf dem Weg dorthin passieren die beiden den Info-Stand der RFK, wo Fuchs die fürsorgliche Frau über seine wirkliche Identität aufklärt. Der 72-Jährigen fällt ein Stein vom Herzen, und sie umarmt den RKF-Wohnbereichsleiter. „Rütteln Sie noch mehr Menschen wach“, ermuntert sie das Klinikteam.

Bis zur „Schmerzgrenze“ spielen die Laiendarsteller die Szenen. Sieglinde Herbst, Stationsleiterin im Haus Alsenztal, läuft beispielsweise durch die Gänge und murmelt in permanenter Wiederholung „Hallo, hallo!“ vor sich hin. Im Halbstundentakt ertönt die Durchsage: „Der 78-jährige Jakob Müller kann von seiner Frau am Infostand abgeholt werden.“

Und wie fühlt sich das Schauspiel für die Darsteller selbst an? „Mit der Zeit kommt man in seine Rolle richtig rein“, beschreibt Seelsorger Dr. Gerald Schwalbach seine Erfahrung. „Plötzlich wird dir bewusst, wie schlimm das sein muss, wenn du wirklich nicht mehr weißt, wo du bist und wildfremde Leute ansprechen musst.“

Betroffenheit erzeugen
Im Nachgang werden die Situationen natürlich jedes Mal aufgeklärt, ähnlich wie bei der Sendung „Versteckte Kamera“. Kein Kunde soll den Laden mit einem schlechten Gefühl verlassen. Wie sich herausstellt, ist das Gegenteil der Fall. „Die Aktion ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass man durchaus mal ungewöhnliche Wege gehen kann, um Betroffenheit zu erzeugen“, lautet das Fazit von Pflegedienstleiter Müller.

Allgemeine Zeitung, 11. Dezember 2013

 

Mitarbeiter der Rheinhessen-Fachklinik schlüpften in die Rolle von Demenzkranken und konfrontierten Kunden und Mitarbeiter des Real-Marktes mit dem Krankheitsbild.
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