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Alternative Wohnformen etablieren

12.12.2014, RFK-Chefarzt Andreas Fellgiebel zu Versorgung von Demenzkranken / "Stigmatisierung abbauen"

ALZEY. Das von der Schettler-Gruppe geplante Demenzdorfan der Albiger Straße wird zumindest vorerst nicht realisiert (die AZ berichtete). Die AZ sprach mit Professor Dr. Andreas Fellgiebel, dem Chefarzt der Geronto-Psychiatrie an der Rheinhessen-Fachklinik, über die Versorgung von an Demenz erkrankten Menschen.

Wie stehen Sie grundsätzlich zu Demenzdörfern, wie sie im holländischen de Hogeweyk ihr Vorbild haben?

Menschen mit Demenzerkrankung wollen genau wie ihre nichtdementen Altersgenossen ihren Lebensabend in vertrauter Umgebung verbringen,nach Möglichkeit in den eigenen vier Wänden. Heute werden noch 70 Prozent der Erkrankten betreut und gepflegt. Da im Zuge des demografischen Wandels die Demenzerkrankungen weiter zunehmen werden und es immer mehr Alleinstehende mit Demenz geben wird, müssen wir alternative Wohnformen etablieren, um den Betroffenen ein möglichst selbstbestimmtes Leben in Würde und ohne Ausgrenzung zu ermöglichen. Hierbei ist das Stadtquartier eine Variante, die für schwer betroffene Demenzpatienten ohne alternative „ambulante“ Wohnmöglichkeit eine Alternative zum klassischen Pflegeheim darstellen könnte. In Hogeweyk wird viel von dem realisiert, was Patienten im schweren Stadium für ihr Wohlbefinden benötigen: kleine heimelige Wohneinheiten mit familiärer Atmosphäre, die sich am „Lebensstil“ des Betroffenen orientieren, viel Bewegungsfreiraum, Akzeptanz, Ressourcen und Biographie-orientierte Aktivierung.

Der Gegenentwurf zum großflächigen Stadtquartier sind kleine, wohnortnahe Wohngruppen. Kritiker lenken hier jedoch den Blick auf die Kosten ...

Ich halte betreute Wohngemeinschaften im gewohnten Lebensraum, in der Kommune, im Quartier für die beste Rahmenbedingung, um mit guter Demenzversorgung in der demenzfreundlichen Kommune ernst zu machen. Dies ist übrigens auch eine zentrale Empfehlung des Expertenforums Demenz in Rheinland-Pfalz. Wohngemeinschaften sind natürlich keine Garantie für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Integration der Menschen mit Demenzerkrankung ins kommunale Leben. Hierzu müssen diese Wohneinheiten konzeptuell nach außen geöffnet werden. Auch bedarf es eines Sinneswandels von Kommunen und Bevölkerung. Voraussetzung für Inklusion ist der Abbau von Stigmatisierung der Demenz. Normalität ist die beste Voraussetzung, ein möglichst normales Leben führen zu können. 

Der Regelfall ist jedoch weder Demenzdorf, noch Wohngruppen, sondern die Unterbringung im Pflegeheim. Doch auch hier gibt es allenthalben Kritik an der dort geleisteten Betreuung. Teilen Sie die geäußerte Kritik?

Es gibt große Unterschiede. Leider sind eine ganze Reihe von Pflegeheimen noch immer wie ein Krankenhaus konzipiert, die spezifischen Bedürfnisse der Bewohner (ca. 60 Prozent der Altenheimbewohner haben eine Demenz) werden kaum berücksichtigt. So provoziert diese Wohnform oft Verhaltensauffälligkeiten“, die sie selbst dann nicht mehr in den Griff bekommt. Denn Mitarbeiterinnen sind zudem oft überlastet und besitzen nur unzureichende demenzspezifische Kompetenzen (Kommunikation, professionelle Empathie). In der Konsequenz kommt es zu mehr Psychopharmaka und Zwangsmaßnahmen, als unter „natürlicheren“ Lebensbedingungen notwendig wäre.

Sie sind Experte, was die Versorgung von Demenzkranken betrifft. Wie sieht für Sie die ideale Versorgung aus? Wie weit ist dieses Ideal von der Realität noch entfernt?

Mehr „Stadtquartier im Pflegeheim“ wäre eine Alternative. Historisch gesehen ist Hogeweyk übrigens auch „nichts anderes“ als ein umgebautes Pflegeheim alten Krankenhausstils. Ideal wäre natürlich eine grundlegende Inklusion von Menschen mit Demenz ins kommunale Leben. Am liebsten zuhause, weswegen wir „Familien mit Demenzerkrankung“ in Zukunft noch besser unterstützen müssen, um die häusliche Versorgung mit akzeptabler Lebensqualität von Patienten und betreuenden Angehörigen aufrechterhalten zu können. Daneben werden wir auf institutionelle Versorgung wahrscheinlich nicht verzichten können. Hierzu brauchen wir Einrichtungen, die sich auf die Bedürfnisse der dementen Bewohner einstellen - und hierfür können sich Betreiber oder Investoren viel von Hogeweyk abgucken. Ob Hogeweykartige Einrichtungen dann unter „ambulante“ oder „stationäre Wohnform“ firmieren, ist finanzierungstechnisch eine wichtige Frage - die Bewohner selbst wird diese Frage eher weniger interessieren.

Das Interview führte Thomas Ehlke

Allgemeine Zeitung, 12. Dezember 2014

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