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Kinder von psychisch Erkrankten im Mittelpunkt des Alzeyer Symposiums

„Und was passiert mit mir?" - Unter diesem Titel beschäftigte sich das 26. Alzeyer Symposium mit der Situation von Kindern psychisch Erkrankter. Kinder und andere Angehörige fühlen sich oft alleine gelassen im Umgang mit der psychischen Erkrankung ihrer nahen Angehörigen.

Alzey - 9. November 2016. Fachleute befinden sich nicht selten in einem Dilemma: Sie möchten und müssen zunächst den erkrankten Menschen helfen, dürfen dabei aber die Angehörigen nicht vergessen. Wie geht ein Kind mit einem schwer depressiven Elternteil um? Was löst die Krankheit bei dem Kind selbst aus? Wie gewohnt startete der Tag mit verschiedenen Workshops zum Thema, die die verschiedensten Aspekte des Problems beleuchteten. Am Nachmittag schlossen sich Vorträge an. Dr. Christiane Hornstein (Psychiatrisches Zentrum Nordbaden, Wiesloch) sprach über spezifische Hilfen für Mütter mit peripartalen psychischen Erkrankungen. Elisabeth Schmutz (Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz) fasste Angebote und Unterstützungsstrukturen für psychisch kranke Eltern und ihre Kinder im Versorgungsgebiet der RFK Alzey zusammen.

Prof. Dr. Albert Lenz (Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Paderborn) brachte zu seinem Vortrag „Kinder psychisch kranker Eltern - Prävalenz, Risiken und familienorientierte Interventionen" ein Fallbeispiel mit: Felix lebt bei seiner Mutter, die an Borderline leidet. Seinen Vater lernte er nie kennen (es wird auch nicht über ihn gesprochen), das Verhältnis zur Großmutter ist ambivalent. Felix selbst ist stark übergewichtig, gehemmt, zurückhaltend. Er muss der Mutter helfen, „damit sie Stress abbauen kann".

In der Schule ist er gut, auch bei den Lehrern beliebt. Allerdings hat Felix keine Freunde, darf keine Gleichaltrigen einladen und wird von Mitschülern wegen seines Übergewichts und der kranken Mutter gehänselt. Eines Tages gibt es bei der Mutter eine Krise. Er wird schlecht in der Schule, macht keine Hausaufgaben mehr und als er gehänselt wird, rastet er aus und verletzt dabei einen Mitschüler. Felix verlässt die Schule, will nicht mehr dorthin, das Jugendamt wird eingeschaltet. Lenz: „Mutter und Sohn haben Angst, getrennt zu werden."

Destruktive Parentifzierung ist Risikofaktor
Prof. Lenz differenzierte Prävalenzen und Ressourcen des Jungen. Er weiß aus Forschungen, dass Kinder psychisch kranker Eltern eine „Hochrisikogruppe" darstellen. Das Risiko, selbst zu erkranken, ist bis zu viermal höher. Lenz differenziert Belastungen auf drei Ebenen: elterlich-familiär, Kind bezogene Faktoren, psychosoziale Faktoren.

Wichtige Risikofaktoren sind: Art der elterlichen Erkrankung, Alter des Kindes, familiäre Strukturen und Interaktionen („destruktive Parentifizierung", die bereits im Kleinstkindalter beginnt), soziale Belastungen wie Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen, die zu einer Selbstdiskriminierung und Selbststigmatisierung führen. Kinder, so der Referent, übernehmen schnell Erfahrungen der Eltern („Ich komme aus einer komischen Familie").

Resilienz entwickeln
Um die Chance zu erhöhen, selbst gesund durch die Krankheit des Elternteils zu kommen, müssen Resilienzen entwickelt werden. Dazu zählt Prof. Lenz spezielle Schutzfaktoren wie tragfähige und Sicherheit vermittelnde Beziehungen, ein Wissen und Verstehen um die Krankheit („Wissen befähigt Kinder"), einen offenen Umgang der Eltern mit der Krankheit sowie ein emotionales Familienklima. Auch Copingstrategien tragen dazu bei („Ich habe das Recht, an etwas Schönes zu denken!").

Hilfen für Familien müssen die Komplexität der Problemlagen berücksichtigen („Teufelskreis betroffener Familien") und dürfen keine einseitige Wirkrichtung angehen. An Interventionsebenen nennt Prof. Lenz medizinisch-psychiatrische bzw. medizinisch-psychotherapeutische, bildungsbezogene Maßnahmen sowie familienorientierte Maßnahmen, „die ich sehr breit sehe". Die Selbstwirksamkeit sei dabei ein „zentraler Aspekt", sagte er. Dazu sei eine koordinierte, personifizierte Hilfe nötig; darüber hinaus sei eine Kooperation und Vernetzung vonnöten.

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